Paddeln im Winter und Vogelschutz – Beispiel Starnberger See

Stehpaddler, Winterraster und andere Wassersportler

 Warum gibt es Befahrungsregeln im Landkreis Starnberg. Wo sind wann die Schutzgebiete für Tiere und was ist an den hiesigen Gewässern so besonders? Kommen noch mehr Einschränkungen auf die Wassersportler zu oder was ist die Intention der Behörden? Eliane Droemer von PLANKE hat Peter Drefahl zu den Hintergründen befragt. Er ist beim Landratsamt Starnberg Fachreferent des Naturschutzes und der Landschaftspflege. Bei der vorangegangenen Recherche haben wir schon Interessantes erfahren:

Winterraster fallen jährlich zu Tausenden über den Starnberger See herein! Das 10- bis 15fache derer, die im Sommer hier leben bevölkern den See und sammeln Kräfte. Die Rede ist von Vögeln aus dem Norden, “Touristen” aus Island wie der Seetaucher und sogar aus Sibirien wie die Reiherente. Jeden Winter das gleiche Spiel: Sie kommen, weil in ihrer Heimat die Tageslichtdauer nicht mehr zur Nahrungssuche reicht und nehmen den kräftezehrenden Weg auf sich, um am Starnberger See zu überwintern oder zu rasten. Bis zu 25.000 Vögel schätzen die klare Wasserqualität und dass der See nicht zufriert. Sie verweilen bis Ende März und in dieser Zeit ist es deshalb besonders wichtig für Wassersportler, auf die gefiederten Kollegen Rücksicht zu nehmen. Denn es hängt für sie nichts weniger davon ab, als der Bruterfolg. Wer nicht die Möglichkeit hat, nach und vor der langen Reise wieder seinen “Akku” aufzuladen sondern zuviel Energie für die Flucht verbraucht, kann sich kaum mehr um den Nachwuchs kümmern.

Hier kommt die Vogelschutzverordnung ins Spiel

Das Landratsamt Starnberg trägt Sorge dafür, dass die Lebensbedingungen für die Tiere sich nicht verschlechtern. Und das könnte der Fall sein, wenn immer mehr Wassersportler zu immer mehr Zeiten – auch im Winter oder auch nachts im Sommer – das Gebiet für sich beanspruchen und das Revier und die Erholungszeiten für die Tiere einschränken, auch wenn es unbewusst geschieht.  Wir wollten wissen, wie man im Sommer und im Winter als Stehpaddler seinen Spaß haben kann, ohne den Tieren ihren Raum zu nehmen.

PLANKE: Herr Drefahl, wenn im Winter hier so viele Vögel überwintern oder rasten, wo kann man trotzdem am besten paddeln?

Peter Drefahl: Es sollte eine grundsätzliche Winterruhe auf dem Starnberger See bis Ende März einkehren, da hier bis zu 25.000 Vögel Kraft schöpfen und wir den Tieren keine Gebiete „zuweisen“ können. Jede Bewegung in der Nähe stellt eine Gefahr für sie dar. Dabei müssen sie sich möglichst bewegungsarm verhalten, um Energie zu sparen.

 

Aber wenn ich trotzdem zwischen Oktober und März paddeln möchte, wie kann ich mich rücksichtsvoll verhalten?

In dem Fall mindestens 300 Meter Abstand halten. Entscheidend ist die Geschwindigkeit, von daher werden Windsurfer und Kiter von den Vögeln als eine noch größere Bedrohung empfunden als Stehpaddler. Allerdings nimmt die Zahl der Stand-Up-Paddler enorm zu, auch im Winter, und da die meisten nicht in einem Verein o.ä. organisiert sind, ist es schwierig, die ökologischen Zusammenhänge zu vermitteln und freiwillige Vereinbarungen zu treffen. Es ist nicht in unserem Interesse, alles zu regulieren und mit Nutzungsauflagen zu belegen. Natürlich ist es uns lieber, wenn wir auf das verantwortungsbewusste Handeln der Wassersportler zählen können und sie neben dem eigenen Spaß auch die Zusammenhänge in der Natur sehen. Zur Information haben wir auf unserer Website verschiedene Karten mit Schonbezirken und Merkblättern. Außerdem werden demnächst weitere Infotafeln aufgestellt.

Ich halte fest: In den Wintermonaten ist gerade auf dem Starnberger See ein aufmerksamer Blick beim Paddeln gefragt, so dass man die größeren Vogelansammlungen frühzeitig erkennt und mindestens 300 Meter Abstand hält.

Wie schaut es im Sommer aus, welche Gebiete sollte man meiden?

Es gibt zum einen die Fischschonbezirke oder auch Laichschonstätten genannt, die sind mit beschrifteten Bojen markiert. Dann haben wir die Hauptaufenthaltsgebiete der Wasservögel in der Karte markiert, wo manche Arten in Ruhe brüten und sich mausern können. Beispielsweise brütet die Flussseeschwalbe jetzt am Starnberger See, die früher auf den Kiesbänken der Isar heimisch war, wo sie aber bereits vom menschlichen Freizeitverhalten vertrieben wurde. Zum Artenschutz haben wir ein Zonierungskonzept erstellt, wo die verschiedenen Winter- und Ganzjahresschonbezirke zur Orientierung festgehalten sind. Am Starnberger See sind die Ganzjahresschutzgebiete in den Bereichen Karpfenwinkel bei Unterzeismering, Seeseiten, St. Heinrich und bei Feldafing.

In welchen Monaten brüten die hiesigen Wasservögel?

Die meisten von März bis Juni, aber manche auch bis in den August. Daher gibt es Befahrungsregeln wie das Befahrungsverbot auf der Würm bis Juli.

Wenn ich während des Befahrungsverbotes also auf der Würm paddel, begehe ich…?

…eine Ordnungswidrigkeit. Und die Verstöße nehmen in der letzten Zeit deutlich zu, so dass wir schon mit der Polizei zusammenarbeiten müssen. Auch das gewerblich organisierte Paddeln auf der Würm ist nicht zulässig. Der Raum für die Tiere wird ohnehin schon immer kleiner.

Und wie schaut es aus, wenn ich nachts mit einer Stirnlampe paddel?

Das ist für die Tiere besonders problematisch, denn nachts wollen sie eigentlich gar nicht fliehen, schließlich haben sie keine gute Orientierung im Dunkeln. Es ist für sie ein sehr großer Stress, ins Ungewisse zu fliehen, besonders auf der Würm.

Vielen Dank für die Informationen!

ZonierungWinter

SUP und Artenschutz im Landkreis Starnberg

Facts to go:

-          Je eigenverantwortlicher sich alle Wassersportler verhalten, um so weniger Einschränkungen seitens des Landratsamtes sind erforderlich.

-          Über zeitliche und räumliche Befahrungsregeln bzw. Schutzgebiete informieren. Diese sind in den Sommer- und Wintermonaten unterschiedlich definiert. Auf Infoschilder und -bojen achten.

-          Zwischen Oktober und März möglichst weniger paddeln und falls doch, dann mindestens 300 Meter Abstand von den Vogelansammlungen halten.

-          Brutzeit von März bis mindestens Ende Juni beachten > Befahrungsregeln.

-          Bitte Schilfgebiete meiden.

-          Bitte vermeiden, nachts zu paddeln, die Tiere verlieren auf der Flucht im Dunkeln die Orientierung.

-          Wieviele Wasservögel kennst Du? Der Gebietsbetreuer Udo Bär hat in einem Jahr in St. Heinrich unglaubliche 160 Vogelarten gezählt, die hier leben oder gerastet haben.

-          Ramsar Schutzgebiet und Natura2000

 

! Zum Verständnis
Derzeit wird der Raum kleiner für die Tiere und die Zeit kürzer, in denen sie ungestört auf dem Wasser leben können. Einen gewissen Umfang an Störungen verträgt die Tierwelt. Der Konflikt: Die Nutzung des Starnberger Sees nimmt insgesamt zu. Mehr Hunde, mehr Feuerwerke, mehr Wassersportler, die sowohl die zeitliche als auch räumliche Nutzung ausdehnen, also auch nachts und auch im Winter unterwegs sind. Je häufiger die Störungen stattfinden, desto mehr Energie geht für die Flucht drauf und der Reproduktionserfolg wird geringer.

Natura_2000_logo

Ramsar, Natura 2000, FFH und Vogelschutzverordnung

Wegen seiner Rast- und Überwinterungsfunktion für Wasservögel ist der Starnberger See eines von sieben international bedeutsamen Feuchtgebieten in Bayern, er zählt zu den Ramsar-Schutzgebieten. Die Ramsar-Konvention trat 1971 in Kraft (in der iranischen Stadt Ramsar) und wurde inzwischen von mehr als 100 Staaten unterzeichnet. Ziel der Konvention ist es, weltweit bedeutende Feuchtgebiete insbesondere als Lebensraum für Wasservögel zu schützen. Um Grundlagen für die regionale und praktische Umsetzung des Naturschutzes zu schaffen, wurde unter dem Namen Natura 2000 ein Netz von Schutzgebieten innerhalb der EU ausgewiesen, deren rechtliches Instrumentarium die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) und die Vogelschutzrichtlinie sind.